Die wohl bittersüsseste Spielshow
In meinem Leben habe ich schon so einige Spielshows im regulären Fernsehen gesehen. Zu den ersten dürfte sicher die Show Alles Nichts oder? gehören. Die Sendung wurde von Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder moderiert. Daher sind mir ihre Gesichter bis heute im Gedächtnis geblieben, und ich erfreue mich immer wieder aufs Neue, wenn sie während dem durchzappen aller TV-Sender kurz durchflitzen. Im Zentrum stand damals eine Art „Kindergeburtstag für Erwachsene“. Als Markenzeichen der Show trat Hugo immer im typischem Moderatorenlook auf – zum Beispiel in einem schwarzen Anzug –, während Hella ein ausgefallenes Kostüm trug. Ob als Haifisch, Königin oder als einen Friedhof. Ich bin mir zumindest sicher: In den über hundert Folgen hatten die zuständigen Kostümbildnerinnen und -bildner wohl den Spass ihres Leben. Gemäss meiner Recherche gab es in jeder Folge auch einen prominenten Gast, der oder die zusammen mit den beiden Moderatoren an den Spielen teilnehmen musste. Gäste wie Nina Hagen, Günther Jauch, Lilo Wanders, Hape Kerkeling oder auch Heino, sind nur wenige der Namen, die in einer der Shows Platz nehmen durften. Ältere Generationen werden sich beim durchlesen der Gäste wohl eher die Finger ablecken, oder in Nostalgie rumsausen, als ich in meinen baldigen 40ern. Nun, die beiden Moderatoren traten jedenfalls in den Spielen meist als Duo gegen den Gast an.

Wer ein Spiel verlor, bekam eine Torte. Nach sechs bis acht Spielen hatte gewonnen, wer die wenigsten Torten kassierte. Anscheinend verloren aber meist Hella und Hugo selbst. Und da kommen in mir genau die Bilder hoch, die ich bis heute vor meinem geistigen Auge immer wieder abrufe, sobald ich Hella oder Hugo sehe. Denn die Torten gab es nicht auf die Hand, um sie am nächsten Tag zuhause bei einem „Zvieri“ mit Kaffee geniessen zu können – beispielsweise als Trostpreis für die Niederlage – oh nein. Stattdessen mussten die Verlierer ihre Köpfe durch eine bemalte Pappwand stecken, um sich dann von den Zuschauern die im Spiel kassierten Torten ins Gesicht werfen zu lassen.

Heute gäbe es wohl einen grossen Aufschrei, laute Buhrufe wegen Foodwaste und obendrauf noch böse oder kritische Posts auf Social Media. Dazu kommt, dass Hella von Sinnen damals in so manchem Kostüm auftrat, die heute kritisch betrachtet werden könnten. Beispielsweise als sie als Indianerhäuptling zu sehen war. Oder in einem Outfit, bestehend aus einem indischen Gewand, einem Nasenpiercing, das nach meiner Recherche im hinduistischen Glauben als Nath bezeichnet wird und mit einer Kette zum Ohr verbunden ist, sowie einer Kopfbedeckung, die stark an eine thailändische Krone erinnert. Doch ich muss zugeben: Es war eine andere Zeit. Keine bessere Zeit, so wie es oft vielleicht behauptet wird. Doch mein persönlicher Gedanke ist, dass es eine Zeit war, in der Humor eine grosse und wichtige Rolle spielte. Denn die Show wurde von 1988 bis 1992 gesendet. Also während der Zeit, als die Berliner Mauer noch stand und im November 1989 gefallen ist.

Natürlich, versteht mich nicht falsch. Vielleicht gab es auch damals schon Stimmen, gegen die Show. Doch wenn damals Menschen laut gegen etwas oder jemanden waren, so erfuhr man dies vielleicht erst paar Sendungen später. Eventuell nur kurz per Infoeinblendung. Oder las es in den nächsten Tagen in Zeitungen, aufgrund Leserbriefen. Und da kommt der Knackpunkt, der mir jetzt gerade während dem verfassen dieses Artikels klar wird:
Die negative Retourkutsche kam nicht direkt innerhalb einer Stunde oder nur paar Minuten. Vielleicht nicht einmal innerhalb eines Tages. Es passierte erst später, wo genug Zeit vergehen konnte und man sich zu diesem Zeitpunkt bereits seine eigene Meinung bilden konnte. Und von dieser liess man sich sicher schwer wieder abbringen. Man stelle sich schon das Jahr 2001 vor, am Tag des 11. Septembers. Und sorry, ich weiss das ist nicht gerade ein angemessener Vergleich. Dennoch: Alle die damals alt genug waren um zu begreifen, was da in New York gerade passiert, wissen bis heute noch, wo sie zu diesem Zeitpunkt waren. Ich selber kam damals gerade am Nachmittag von der Schule nach Hause. Meine Mutter sass vor dem Fernseher, und wir beide konnten kaum fassen was wir da gerade für Bilder sahen. Denn fast auf allen Radio- und Fernsehkanälen, die ihr Programm aufgrund dieses Ereignisses unterbrachen, bekam man es live mit. Als das erste Flugzeug einschlug, ging man da noch von einem Unglück aus. Doch 17 Minuten später, und das zweite Flugzeug im anderen Turm einschlug, konnte die Vermutung eines Unglücks schnell ausgeschlossen werden. Und ich bin mir sicher, und da komme ich eben zum Vergleich zu heute: Wenn in der heutigen Zeit ein solches oder ähnliches Ereignis passiert, greifen viele Menschen direkt zu ihren Geräten wie Handy, Tablet oder Computer, und lassen ihre Vermutungen in Form von Posts auf Social Media los. Ohne vorweg alle Informationen zu kennen. Natürlich fliessen in den Posts auch ihre ganzen Emotionen hinein. Denn daher, da – genau wie die Emotion Freude – auch Wut zu uns Lebewesen gehört, lässt man sich heutzutage vielleicht beim lesen oder betrachten von Posts schneller beeinflussen, wenn es um die eigene Meinung geht.
Doch Emotionen sind ein gutes Stichwort. Denn bei einer neuen Spielshow fuhren meine Emotionen förmlich Achterbahn. Auf Netflix startete Ende September die Show Wonka’s – The Golden Ticket. Und wer jetzt schon alleine beim Lesen des Titels aufgrund des Wortes Wonka direkt ein breites Lächeln ins Gesicht gezaubert bekam: Jup, genau dieser Wonka. Besser gesagt Willy Wonka, der Besitzer einer Schokoladenfabrik aus Roald Dahls Kinderbuch Charlie und die Schokoladenfabrik.
So haben wir nun nach Musicals, Videospielen und zwei Verfilmungen des Kinderbuchs – der dritte Film im Jahr 2023, Wonka, bediente sich als Prequel lediglich bei den Figuren aus der Geschichte – nun auch noch eine Spielshow. Wer jetzt aber eine trashige Spielshow mit Promis erwartet, die sich für mehr Sendezeit dauernd zoffen, liegt weit daneben. Denn der Cast umfasst mehrere Paare aus Freunden, Liebespaaren oder sogar Familienmitgliedern. Genau wie in der Geschichte Dahls fanden diese Teilnehmer in einer Schokoladentafel ein goldenes Ticket. Und die Kamera fängt schon die allerersten Emotionen der Kandidatinnen und Kandidaten ein, da man „live“ beim Auspacken der Tafel zusehen kann. Klar, dies fand ich persönlich zwar etwas komisch. Doch ich komme gleich nochmals darauf zurück. Soweit ich mich aber noch erinnere, gab es am Ende rund zwölf Paare, also 24 Personen bzw. Kandidatinnen und Kandidaten, die vor Wonkas Fabrik standen. Und die Altersspanne innerhalb der Show ist nicht Ohne. Gemäss meiner Recherche reicht die Altersspanne von knapp über 20 bis fast 80 Jahre. So konnte es also vorkommen, dass sich im Spiel eine Seniorin oder ein Senior und eine weitaus jüngere Person duellieren mussten.

Doch bevor es überhaupt in die Fabrik zu den Spielen ging, wurden zuerst alle Kandidaten – genau wie im Film – über die Lautsprecher von Willy Wonka begrüsst. Und wer sich die Show in der englischen Originalfassung anschaut, erkennt die aus den Lautsprechern erklingende Stimme vielleicht bald oder sofort wieder. Vorausgesetzt natürlich, man hat die Verfilmung von 1971 ebenfalls auf Englisch gesehen. In einem Infofenster informiert dann Netflix später, dass durch Zustimmung der Angehörigen von Schauspieler Gene Wilder, der in der 1971er-Verfilmung Willy Wonka verkörperte und 2016 im Alter von 83 Jahren verstarb, dessen Stimme mithilfe künstlicher Intelligenz geklont wurde. An dieser Stelle will ich jedoch so wenig wie möglich verraten, da die Show so viele tolle Momente und Eastereggs hergibt. Und wer mich kennt, weiss genau, dass ich ein Gegner von Spoilern bin. Einen Film muss meiner Meinung nach jeder selbst entdecken. Und zwar so gut es geht lautlos. Läuft also gerade ein Film: Sei ruhig, sag kein Wort und geniess einfach diese Zeit mit dem Film.
Doch ich lege allen Wonka’s – The Golden Ticket ans Herz, die auf gute Unterhaltung mit viel Emotionen mögen. Und ist einem das eine oder andere Spiel doch mal zu langatmig – bei mir war es nur das eine –, kann man es dank der Erfindung des Vorspulens noch immer überspringen. Nun komme ich aber noch zu dem Punkt, der – wie vorhin erwähnt – mir komisch vorkam. Ich muss ehrlich zugeben, dass mich am Anfang ein Punkt stutzig gemacht hat. Denn auch wenn es so scheint, als hätten die Kandidaten zu Beginn per Zufall das goldene Ticket gefunden, gingen mir zwei Fragen durch den Kopf.
Frage Nummer 1: Warum ist die Kamera bei allen Kandidaten direkt von Anfang an dabei? Also noch vor der eigentlichen Show. Im Nachhinein konnte ich auf die Schnelle keinen Hinweis darauf finden, dass diese Schokotafeln tatsächlich im regulären Handel zu kaufen waren. Es waren zwar auch Schokotafeln ohne Ticket zu sehen, doch auch da war die Kamera bereits dabei. Zudem wurde die Show gemäss Abspann in Queensland in Australien gedreht. Im Abspann heisst es: Filmed in Queensland, Australia, with funding from Screen Queensland, also mithilfe einer Förderung durch Screen Queensland. Und ein paar der Kandidaten erzählen, wo sie zuhause sind. Und dies ist nicht in Australien, sondern in Amerika. Wie also kamen sie zu einer dieser Schokotafeln, sollten diese nur in Australien verkauft worden sein? Übrigens sind das von Amerika aus auch gern mal fast 20 Stunden Reisezeit.
Frage Nummer 2: Alle Kandidaten wirken auf mich, als hätten sie zwar eine Lebensgeschichte und ihren Rucksack zu tragen, doch vielleicht nur vier von ihnen stammen aus der unteren Schicht. Auch anhand der Berufe, die während der Interviews immer wieder unter den Namen des Casts eingeblendet werden, deutet vieles darauf hin. Das eine Paar, dessen Berufe Dachdecker und Phlebotomistin sind, steht plötzlich in der Halle neben Geschäftsführern, Beratern, aber auch – was klar war – neben Content Creatorn.
Dennoch sind das Fragen, die mich selber beschäftigen und keineswegs die Qualität der Show beeinflussen. Hoffe ich zumindest. Daher wie gesagt, kann ich die wohl bittersüsseste Spielshow mit gutem Gewissen empfehlen. Zwar war ich am Ende traurig, da man mit der Zeit ein Herz für die ein oder andere Person entwickelt, und immer hofft dass sie weiterkommt. Denn wenn Wonka was kann, dann sind es Wendungen.
Und ich, wende mich nun wieder euch zu. Danke, dass ihr wieder hier wart und diesen Blogartikel gelesen habt.
Euer Sam




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