top of page

Soziale Medien und ihre Nebenwirkungen

  • Autorenbild: Sam Kohler
    Sam Kohler
  • 30. Juli
  • 7 Min. Lesezeit

Jeder Mensch, der in seinem Leben schon einmal mit den sozialen Medien in Berührung kam, kennt es:

Diese Welt kann ein Fluch und Segen zugleich sein. Privatpersonen, Selbstständige und Unternehmen versuchen und hoffen, meist mit innerlichem Druck, darin gesehen, verstanden und / oder gemocht zu werden. Ob es die eine Person ist, die gerne andere Menschen an ihren persönlichen Meinungen teilhaben lässt – so wie man es zum Beispiel des Öfteren von mir kennt. Oder die Person, die leidenschaftlich fotografiert, malt oder bastelt, und sich vielleicht nach dem ersten Auftrag oder Kunstverkauf sehnt. Die Person, die auf YouTube zu einem spezifischen Thema unzählige Anleitungen förmlich eingesaugt hat, und nun das gesammelte Wissen für ein gutes Salär verkaufen will. Natürlich dann mit dem Titel eines selbsternannten Coaches.


 

Doch es gibt auch diese Art von Menschen, die im Grossen und Ganzen als der Treibstoff der Plattformen angesehen werden kann. Genau diese Art von Menschen sind dafür verantwortlich, dass der sogenannte Algorithmus der Plattform am Ende erst in Schwung kommt. Oder durch sie bereits bekannte und neue Unternehmen bereit sind, für ihre Werbung grosse Summen an Geld in die Kasse der Plattformen zu spülen. Ich spreche von den Watchern. (Und ja, ich habe hier gerade einen Begriff aus dem Film Nerve – von 2016, mit Emma Roberts, Juliette Lewis und Dave Franco – verwendet.) Wenn der Content, sprich das auf den sozialen Medien verbreitete Bildmaterial oder Texte, kaum bis gar nicht angeschaut, kommentiert oder einem „Gefällt mir“ markiert bzw. geliket wird, so geht man mit seinem Content schnell in der Masse unter. Dennoch ist der Ablauf meist auf allen Plattformen derselbe. Zuerst wird der Content nur einer kleinen Gruppe von Zuschauern angezeigt. Kommt dieser bei der ersten Gruppe gut an, die laut Berichten nur vorhandene Follower beinhaltet, und diese dann auf den Content reagieren, signalisiert dies dem Algorithmus: „Hey, da muss was Interessantes sein. Also zeig den Content noch anderen Menschen.“ Daraus entsteht dann eine Art Dominoeffekt. Der Content wird einer weiteren, etwas grösseren Menschengruppe ausgespielt. Und genau so, mit möglichen Reaktionen wie von der ersten Gruppe, geht es dann immer weiter und weiter. Je mehr Menschen also dann in der jeweils nächsten Auswahl wieder reagieren, desto mehr Menschen sehen am Ende den geposteten Content. Wenn dieser dann mehrfache Reaktionen und Aufrufe erzielt, gilt der Content irgendwann als viral. Ihr dürft mich gerne in den Kommentaren korrigieren. Doch eine genaue Zahl, ab wann ein Post als viral gilt, gibt es nicht.



Der Algorithmus erkennt auch halbwegs, anhand sogenannter Hashtags(#) – auf YouTube Tags –, welches Thema im Content behandelt wird. Auch wenn dieser Zusatz, laut Aussagen vieler Plattformen inzwischen, nicht mehr so nötig sei. Schaust du ein ganzes Video mit einem Haustier, wo vielleicht noch der Hashtag (#)Haustier in der Videobeschreibung – auch bekannt als Caption – steht, so bekommst du mehr Videos angezeigt, in denen es möglicherweise auch um Haustiere gehen könnte. Doch leider gibt es da eine Schattenseite. Denn der Algorithmus vieler Plattformen kann laut derzeitigen Informationen zwar den Inhalt halbwegs erahnen, was gezeigt oder zu hören ist. Doch den Kontext darin versteht er meist kaum bis gar nicht. Persönlich gehe ich jedoch davon aus, dass mithilfe von der künstlichen Intelligenz sich dies in Zukunft ändern wird.


Beispiele aus vergangenen Tagen


Dennoch, kann in meinen Augen gerade dies – vor allem für jüngere Nutzerinnen und Nutzer – fatal enden. In den allgemeinen Geschäftsbedingungen – kurz AGBs –, ist zwar jeweils von den Plattformen ein Mindestalter vorgeschrieben. Doch auch wenn die meisten davon das Mindestalter von 13 Jahren vermerkt haben: Am Ende überlassen sie die Verantwortung den Erziehungsberechtigten. Und wenn wir ehrlich sind, haben wohl die wenigsten Menschen schon einmal in ihrem Leben die ganze Liste an AGBs durchgelesen. Oder kannst du von dir selber behaupten, mal den ganzen Text gelesen zu haben? Ich mutmasse mal, dass die meisten, die bis hierhin gelesen haben, mit einem Nein antworten werden. So geht man davon aus, dass es sicher OK sein wird, wenn sein noch minderjähriges Kind ein eigenes Profil hat. Schliesslich kann man auch ab und zu einen Blick darauf werfen, was da vom Kind gepostet wird. Und wenn es nötig ist, so kann man als Elternteil direkt intervenieren. Jedoch ist es mit einer Kontrolle allein, was das Kind ins Internet stellt, oder mit wem es Nachrichten austauscht, nicht getan. Denn das Kind bekommt ja nicht nur seinen eigenen Content – oder den seiner bekannten Freunden – zu sehen. Dem Kind wird damit eine Welt geöffnet, die sich mit einem Wort nicht erklären lässt. Und wie oben erwähnt, endete es genau da bereits für Kinder im Krankenhaus – oder darüber hinaus.



Da wären zum Beispiel all die Challenges, also Mutproben, die Kinder immer wieder versuchen, den erwachsenen Erstellerinnen und Erstellern nachzuahmen. Dass es sich aber bei vielen der Challenges, also Mutproben, nur um eine Inszenierung handelt, realisieren viele der Kinder leider nicht.


Zum Beispiel wäre da die Tide Pod Challenge. Diese wurde durch Medienberichte zu einer der bekannteren Challenges. Man zeichnete sich auf Video dabei auf, während in einen Tab für die Waschmaschine reingebissen wurde. Für die vorweg visuelle Vorstellung: Diese Art von Tabs, die meist eine grüne, weisse und blaue Flüssigkeit enthalten. Alles zusammen in einem plastikähnlichen Material verpackt. Es mag zwar lustig und einladend aussehen damit zu spielen, oder wenn diese Tabs im Video mit den Zähnen aufgebissen oder im Mund zerplatzt werden. Berichten zufolge haben manche Menschen sogar versucht sie runterzuschlucken. Dennoch handelt es sich bei den Inhaltsstoffen um chemische Mittel, die nach der Challenge zu schweren Vergiftungen und Notfällen führten. Mir persönlich ist auch aufgefallen, dass seit diesen Vorfällen in der Werbung dieser Tabs jetzt immer ganz schnell darauf hingewiesen wird, dass man sie ausser Reichweite von Kindern aufbewahren soll. Oder war diese Warnung doch schon vorher da? Jedenfalls besser eine Warnung, als gar keine.



Dann wäre da noch die Hot Chip-Challenge. Ein Tortilla-Chip, der, mit extrem scharfen Gewürzen versehen, bis 2023 im Handel war. Dieser hatte am Ende einen Scovillewert von über einer Million. Dieser Wert misst, wie viel Wasser nötig wäre, bis man die Schärfe nicht mehr spürt. Zum Vergleich: Eine Jalapeno Chili hat einen Scovillewert bis zu 8000 Scoville. Die bei uns bekannteste Tabascosauce liegt im Scovillebereich zwischen 2500 und 5000 Scoville. Die Differenz zu einem Hot Chip ist also immens.

Die Challenge mit dem Hot Chip bestand darin, diesen zu essen. Auch Influencer sprangen auf den Zug auf, und veranstalteten in ihren Videos und an Events einen Wettkampf. Da der Chip in den meisten Online-Shops einfach zu bestellen war, gelangte dieser auch schnell in die Hände von Kindern. Auch da kann man sich von vornherein die Frage stellen, wie riskant dieser Chip wohl für Kinder ist, wenn dieser Chip auch erwachsene Menschen in den Notfall beförderte. Leider gibt es auch Jugendliche, die am Ende mit ihrem Leben bezahlten. Der tschechische Hersteller passte daraufhin die Rezeptur an, nachdem der Chip 2023 für eine Weile aus dem Sortiment genommen wurde. Für den neuen Chip behauptet der Hersteller nun, dass der neue Chip von den nationalen Gesundheitsinstituten als gesundheitlich unbedenklich eingestuft wird. Kritisiert wird dabei, dass zwar der Scovillewert von der in der Rezeptur verwendeten Chilis angegeben wird, jedoch nicht der vom Endprodukt. Stell dir folgende Situation vor: Du besuchst ein Restaurant, wo dir der Koch auf deine Nachfrage mitteilt, wie scharf seine verwendeten Chilis sind. Wie viele davon er aber in dein Essen gehackt hat, wird dir nicht mitgeteilt. So bekommst du am Ende dann ein weitaus schärferes Gericht serviert.



Jedenfalls ist dies eines der Risikos für die jüngsten Userinnen und User auf Social Media. Doch es gibt auch ein Risiko, ein weitaus gefährlicheres, das auch uns erwachsene Menschen treffen kann.


Wenn der Hass als Meinung verkleidet wird


Heute ist der 28. Juli 2026. Nun ist eine Weile vergangen, seit ich den obigen Text angefangen habe. Daher komme ich jetzt auch mit einem eher aktuelleren Thema.


Schon ein paar Mal sprach ich in meinem Podcast davon, wie viel Hass und Diskriminierung inzwischen auf Social Media vorhanden ist. Auch wurde inzwischen bewiesen, dass von manchen Regierungen gezielt Kommentare gestreut werden, um die Ordnung untereinander zu stören. Wenn man mich fragen würde, wo ich das Phänomen erstmals spürte, so würde ich als Antwort die Coronazeit nennen. Allein der Fakt, dass es während dieser Zeit offensichtliche und öffentliche Drohungen gegenüber Politik und Beamten gab. So drohte ein Mann dem damaligen Bundesrat Alain Berset. Wer jetzt aber denkt, anonym per Brief, irrt sich. Die Drohung passierte öffentlich auf Facebook. Ein Fedpol-Sprecher sagte gegenüber „Blick“, dass allein im Jahr 2020 beim Bundesamt für Polizei 1200 Meldungen – aufgrund Unmutsbekundungen und Drohungen gegenüber Bundesräten, Ämtern und Parlamentariern – eingingen. Im Vergleich: Ein Jahr davor, 2019, waren es gerade noch 250 Meldungen. Würde man jedoch die Gewaltfantasien, die Menschen öffentlich als Kommentar auf Social Media verfassen, als wahre Drohung ansehen, so wäre die Zahl jährlich so hoch. Viele der Medienhäuser, die auch auf den sozialen Medien aktiv sind, wissen das genau, und nutzen es schamlos aus. Geht es um den Christopher Street Day, wie jetzt nach dem Anschlag in Berlin, so ist auch dort noch die Regenbogenfahne auf das Beitragsbild. Menschen, die abgelichtet werden, dürfen selten mal auf den Beitragsbildern lachen, meist egal zu welchem Thema. Allein schon diese Bilder sind ein Köder für viele User. Schnell verliert man da die Hemmung, man sitzt ja bei sich zuhause, und schreibt seine abwertende Kommentare.


Natürlich könnte ich auch hier paar Beispiele bringen. Doch diese entsetzen mich meist so schnell, dass ich es lieber lasse. Glaub mir, besser so. Doch es fängt meist bei Abwertungen an, geht über Diskriminierung und endet bei Gewaltfantasien. Doch wenn du dann diese Menschen meist auf ihre Kommentare hinweist, so kontern sie oft mit dem Satz oder ähnlich: „Das ist meine Meinung. Schliesslich gilt bei uns Meinungsfreiheit.“ Interessanterweise sind es oft männliche User, die meist auch in einer Beziehung oder verheiratet sind. Da stelle ich mir dann oft die Frage, wie sich diese Männer gegenüber ihren Partnerinnen oder Partnern verhalten. Oder ob zuhause der Haussegen so schief steht, dass man seinen Frust in Form von unschönen Kommentaren loswerden muss.



Was hast du schon für Erfahrungen auf Social Media gemacht? Und hast du noch weitere Fragen? Dann stelle mir diese gerne in den Kommentaren, und bis zum nächsten Post. (Der hoffentlich nicht wieder so lange entfernt ist.)


Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page